Texte


THESEUS:
Und wie die Phantasie Ideen ausgebiert
Von unbekannten Dingen, bannt der Stift
Des Dichters sie in Formen ein und gibt
Luftigem Nichts in Worten ein Zuhause.
HIPPOLYTA:
Bedenkt man aber diese Nachtgeschichten
Und wie die Herzen umgewandelt sind,
Dann sieht man mehr darin als Hirngespinste:
Ein Etwas, das zu großer Dauer wächst,
Ein Etwas, was es sei, schön ist’s und gut.

William Shakespeare, Ein Sommernachtstraum

Silke Leverkühne – Elisabeth Wagner

Kunst ist die Gabe des Zusehengebens. Die Gabe der Kunst reicht weit über die Wiedergabe, die Abspiegelung der Welt hinaus. Was das Bild, das Kunstwerk zeigt, ist ein Möglichkeitsfeld. Die Kunst öffnet einen Raum, der im Geschehen der Ent- und Verbergung ein anderes Verstehen dessen, was wir Wirklichkeit zu nennen gewohnt sind, erst ermöglicht.

Beide Künstlerinnen, die hier im Raum ein vielstimmiges Sehereignis erspielen, nehmen die Wahrnehmung der Welt als Ausgang und Anfang, zugleich aber werden die Erfahrungen dieser Welt zu einem Einfallstor für die Wendung des Kunstwerks auf ein anders hin. Nicht in der Abschilderung eines Gesehenen, sondern im porösen, durchlässigen Werk entsteht das Kunstwerk - in aller Freiheit. Solche Kippfiguren zwischen außen und innen und die Frage, wo sich beide berühren, führen dann zurück zu unserem Sein in der Welt. Was sichtbar wird, ist die Schwelle als Membran zwischen Ich und Welt, Gefühl und Gedanke, Bild und Material. Diese Kunst gibt zu sehen, was es sonst nicht gäbe. Das ist das Wunder der Kunst, des Bildens: Nicht die Ab- oder Nachbildung ist damit angesprochen, im ursprünglichen Wortsinn von Bilidi kreuzen sich Wunder, Omen und Form. Kunst lässt etwas noch nie Dagewesenes in Erscheinung treten und schlägt damit „offene Stellen“ auf: sie ein sinnliches Werden, ein empfindendes Denken.

In dieser Ausstellung geht es also nicht um die vordergründige Wahrheit des Abbildens, um wie immer festgefügte Vorstellungen und auch nicht um Verkörperungen von Ideen. Souverän und luzide verwandeln Silke und Elisabeth die jeweiligen Seheindrücke in einen Spielraum, der, obgleich ohne Beschränkung, den sinnerfüllten Augenblick doch erst möglich macht: Ein Übersetzen (im Doppelsinn von Überfahrt und Übertragung) von Zeit zu Raum, von Raum zu Zeit.

In Elisabeth Wagners Skulptur Gestürzter Ritter kreuzen und überlagern sich so ganz unterschiedliche Vorstellungen, werden zu einem ganz unerwarteten Objekt. Wagemutig geht die Künstlerin hier auch mit der Tradition – und damit mit Zeit und Ewigkeit – um. Kunsthistorisch kreuzt Wilhelm Lehmbrucks Der Gestürzte, der Erschütterung zu einem vergeistigten Bild werden lässt, ein. Elisabeth Wagners Ritter, seine Offenheit der Form, seine Vielfalt der Perspektiven, der ingeniöse Witz der verwendeten Materialien lässt aber auch an Cervantes‘ Don Quijote denken, an seinen wunderbar absurden Ritterzug, der aus dem untergegangenen Rittertum ein ganz Neues herausschlägt: zum ersten Mal wird in diesem Roman in die imaginären Innenwelten eines Menschen hineingeleuchtet, wird sichtbar, wie wir uns in den individuellen Schattierungen und Farben unserer Vorstellungskraft selbst sichtbar werden können, wie Menschen ihr Leben erfinden und sich eine Wirklichkeit zu geben versuchen.

Ein verwandtes Doppel ist auch in der stillen Portraitbüste Lea zu erspüren. Jedes Portrait schafft einerseits ein Abbild und dieses Bild des Menschen hat immer mit zwei Seiten zugleich zu tun: es geht einmal darum, die Wirklichkeit, die Erscheinung zu fassen, dann aber soll auch das innere Wesen in dem Portrait sichtbar werden. Im Begriff 'Portrait', der ja von 'protrahere', herausziehen kommt, ist diese Doppelheit bereits angelegt: ein Nichtsichtbares soll sichtbar werden. Gerade in der Darstellung der Wirklichkeit und durch sie hindurch wird die dargestellte Person interpretiert, ihr Wesen beleuchtet. Im Verlauf der Entwicklung des Portraits wird diese doppelte Anliegen immer wieder neu ausbalanciert, zeitgenössische ästhetische Erfahrung zur Frage nach dem Menschenbild werden jeweils immer wieder neu übersetzt und reflektiert.

Die weitgespannten Facetten von Elisabeth Wagners Werk, die immer auch ein Spiel mit Gegensätzen, mit konzeptueller Abstraktion und (fast) erzählerischer Gegenständlichkeit herstellen zeigen sich dann in dem kleinen Wald aus Tannenzapfen, den hingerollten Kugeln, die bemalt oder ganz lapidar im Material der Pappe, den silbernen Klunkern eine weitere Dimension der Skulptur anklingen lassen. Zufälle, Einfälle, Gedankenfallen. „Die Welt ist alles was der Fall ist“ so lässt Wittgenstein seinen Tractatus beginnen, umgekehrt gelesen könnte man sagen, dass alles auf der Welt im Fall ist.

Mit Kleist wissen wir um die gebrechliche Einrichtung der Welt, um ihre Kontingenz, ihre Abgründigkeit, ihre Gefährdung. Diese Fragilität der Weltordnung wird im Werk von Elisabeth Wagner zur lebendigen Erfahrung.

Auch Silke Leverkühne erkundet in ihrer Malerei frei und neu das vertrackte Verhältnis zwischen Natur und Kunst, zwischen Mimesis und Schöpfung. In ihrer bewegten und beweglichen Malerei erspielt sich ein Ereignis der Wahrnehmung, das – immer wieder neu - als Ähnlichkeit im Unähnlichen eintritt, das „des eignen Bildens Kraft“ zu sichtbaren Formen manifestiert. Im Sichtbaren zeigen sich intensive Differenzen, die Spannungen, Turbulenzen, Schwingungen in Material und Farbe übersetzen. Farbe und Form gehen dabei unauflöslich ineinander über, entgrenzen einander. Und in diesem unauflösbaren Wechselverhältnis wird dann Baudelaires Vorstellung von Farbe als einem „Universum
aus gegenseitiger Spiegelung und Durchdringung, in dem nichts isoliert oder unberührt
bleibt“ 1 noch einmal und ganz neu ins Werk gesetzt: „Die Farben senden einander Reflexe zu, und indem sie ihr Aussehen durch eine Lasur transparenter und entlehnter Eigenschaften verändern, vervielfältigen sie ihre melodiösen Verbindungen ins Unendliche und erleichtern sie.“ 2 Aus Farb- und Formelementen, aus ihrer Strukturierung, Rhythmisierung und aus dem was zwischen den Elementen und um sie herum geschieht, baut sich der Bildort auf. Aus Nachbarschaften, Berührungen, Überschneidungen entsteht dann ein gestalteter Raum, in dem Sinn/Inhalt erst zum Vorschein kommt. Bildklang, Schatten, Schattierungen: Ein Bildgeschehen, ein vielstimmiges und zugleich stimmiges Ineinander von Formen, die der Blick aufnimmt, hinein geleitet in Balanceakte des Sehens, die Thema und Ergebnis des malerischen Werks Silke Leverkühne sind.

Silke Leverkühnes flirrende Malerei setzt wie im Paradox Flüchtigkeit, Entstehung und Auflösung in Szene. Diese Bilder zeigen eben auch den Übergang, das ‚Übergängliche‘, 3
das auch Gefühle, Atmosphären prägt. Und in jedem Bild werden wir auch hier mit einer mysteriösen Instabilität, mit der Auflösung von Eindeutigkeiten konfrontiert. In der nie zu Ende kommenden Betrachtung der Malerei, im Ineinander von oben und unten, von Licht und Schatten, in Spiegelungen und Brechungen erfahren wir auch, dass der Blick nichts fixieren kann, dass er sich dem tohu-bohu der Wirklichkeit überlassen muss, die sich in ihrer Vielfältigkeit, in ihrer Disparität weder zähmen noch zu einsinniger Ordnung bändigen lässt.

Silke Leverkühnes Bilder und Bilderserien sind da wie Momente eines unaufhörlichen Wandlungsprozesses. Das dunkle Moor, die lichten Fenster: Bilder wie Fenster ermöglichen Blicke auf etwas anderes als sich selbst, Spiegelungen werfen den Blick zurück.

Alles Gesehene – und so auch die Kunst - ist immer Objekt von parallel mitgesehenen Vorstellungen, von Vergleichen, Erinnerungen, Projektionen. In der Betrachtung der Werke dieser Ausstellung sind alle Sinne eingeladen in einen vielfach facettierten Seh- und Erfahrungsraum, gemeinsam formen sie neue Bilder, fügen den Gegenständen etwas hinzu, lassen das sinnlich-figurative Denken im Assoziationsreichtum zur Schöpfung werden. In ihrem Zusammenfall von Evidenz und Energie geben die Werke von Silke Leverkühne und Elisabeth Wagner tausend und einen Anlass an ihnen entlang zu sehen, neu zu sehen und ihre Wunder fortzuspinnen, sich einzulassen auf ihre Einfälle: Wir dürfen eintreten und als Gast an dieser vielstimmigen Konversation teilhaben und auf den stillschweigenden Anspruch der Kunst antworten: Vielleicht weist die anagrammatische Verwandtschaft von Imago und Amigo, von Bildwerk und Freund auf dieses Willkommen der Kunst.

Dorothée Bauerle-Willert

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1 Heinz Brüggemann, Walter Benjamin über Spiel, Farbe und Phantasie,
Würzburg 2007, S. 169
2 Charles Baudelaire, Sämtliche Werke, Bd. 1, Juvenilia – Kunstkritik 1832 -1846,
hrsg. von Friedhelm Kemp u.a. München Wien 1977, S. 202
3 Johann Wolfgang von Goethe, Wohl zu merken, In: Werke, Hamburger Ausgabe, Bd. 1, München 1982, S. 352


Vor- und Nachbild – nach der Natur

Helles, glänzendes Licht, das sich im Wasser sammelt, blaue, diesige Himmel, die sich in den Seen spiegeln, ein Grün, ein Blau, Pflanzenformen, Gesträuch, Geäst, das die Wasserflächen überlagert, unterschlingt, vom Wasser reflektiert wird, sich im Wasser bricht: Oben und unten, außen und innen, die Zeit und ihr Fluß durchdringen sich in vielschichtigen, durchlässigen, diaphanen Bildgebilden. Die Welt ist da, und in der Malerei wird aus dem (unscheinbaren) Kontinuum der materiellen Welt ein dort verwurzelter Anblick, in dem sich Sehen und Gesehenwerden verschränken.

Silke Leverkühnes Bilder entstehen nach der Natur, dabei reflektieren sie immer auch die zweifache Lesart dieser Beschreibung: eine modale, die die Umsetzung eines Vorbilds meint und eine temporale, die den für die Moderne konstitutiven Abschied von einer unmittelbar erfahrbaren, romantisch belebten Natur beinhaltet wie auch die Nachträglichkeit aller Kunst. Die Arbeiten nehmen dieses Doppel auf, umspielen die Differenz von Vor- und Nachbild, bewegen sich in diesem Zwischenraum und die Bewegung im Medialen prägt das Bildgeschehen als Prozess: Die Bilderserien verweisen weniger auf das Gewesene, Gesehene als auf eine andauernde Zeitlichkeit im Zu-Sehen-Geben; es sind raumzeitliche Passagen, die auch als Übergang zu ganz anderen, latenten, erinnerten, assoziierten Bildern funktionieren. Die Beweglichkeit, das Prozessuale des malerischen Aktes selbst korrespondiert dann präzise Silke Leverkühnes bevorzugten Bildthemen, den Wolkenformationen, den Wasserstrudeln, flüchtige, flirrende, vibrierende Erscheinungen, die schon ihrem Wesen nach nicht fixierbar sind - und noch einmal in fortwährendem Wandel durch das Licht. Natur meint dann weniger Landschaft als festgestellte Anordung, sondern ein Zusammenspiel von visuellen Kräften, von Energien, die auf der Leinwand zugleich freigesetzt und in neue Form gebracht werden. Natur wird eben nicht nur gegenständlich gefasst, sondern ist zuallererst Anlaß und Movens eines unabschließbaren Wahrnehmungsvorgangs, in dem Farb- und Formereignisse ihre eigensinnige Vitalität frei ausspielen dürfen, sich zu unvermuteten Strukturen kristallisieren, in einen visuellen Rhythmus eingehen: In Bilder einer Natur, die im Intervall zwischen der Malerin und dem ganz Anderen auch der Unverfügbarkeit der Phänomene Rechnung trägt.

In Silke Leverkühnes Malerei entsteht eine Welt der Sichtbarkeit, die im Spielraum der unendlichen schöpferischen Möglichkeiten das Gegebene als Kern von Evidenz wiedererfindet, mit neuer Überzeugungskraft, im bestürzenden Wiedererkennen. Der Blick wandert in das Bildgeschehen hinein, bewegt sich im Bild, folgt den Farbstrudeln, den Klängen der Farbbegegnungen, den Spiegelungen, die in schimmerndern Farbschleiern aufblitzen und wieder verschwinden, erfährt Brüche, Verdichtungen, Schichtungen und Lockerungen: eine Entdeckung der subtilen Verflechtungen, die das Bild – zwischen opus und actus – entwickeln, eine gleitende Bewegung, die die komplementären Größen, die Form und den Sachinhalt balanciert und immer wieder neu entfaltet.

Silke Leverkühnes Gemälde gehen dem singulären Status des Bildes nach. Auf mehreren Ebenen halten sie genau seine rätselhafte Mitte zwischen Tatsächlichkeit und luftiger Unbestimmtheit. Wir sehen das eine im anderen und in wechselseitiger Osmose. Aus dem Material, der Farbe und ihren Qualitäten, dem Festen, dem Flüssigen, dem Harten, dem Transparenten, dem Stumpfen, dem Opaken und der gleichzeitigen Irritation der Substantialität entwickeln sich changierende Bezüge, gestaffelte Strukturen, ihre Durchkreuzung, ihr Oszillieren zwischen den Polen.

Unter den Bedingungen des Mediums entfaltet sich die Matrix der Bilder, ihr komplexes Geflecht von Zuordnungen, von Kontrasten und Verschiebungen. Ein Prozeß, der sowohl verknüpfende, konzentrierende als auch zerstreuende, auflösende Bewegung ist, ein Kippspiel, das Wahrnehmen, Vorstellen, Erkennen, Imaginieren ineinanderfallen läßt. Die Figuration und ihr Dementi antworten dem Fließen, dem Flirren von Wasser und Licht und diese gegenläufige Modellierung ergibt - von Bild zu Bild - ein Kaleidoskop wechselnder Muster, Kaskaden und Fächer von Sichtweisen. Es gibt keine starren Bezugspunkt, vielmehr ein Ineinander und eine Mobilisierung des Bildgegenstands, der die Abenteuer des Sehens als unvorhersehbares Wahrnehmen und Vorstellen in Gang setzt, die Erfahrbarkeit der Welt in ihrer unausschöpfbaren Fülle als Sinn auf unsere Sinne treffen läßt.

Dorothée Bauerle-Willert


Wenn die Wolken ziehen...

Ende der sechziger Jahre des l7. Jahrhunderts malt Salomon van Ruisdael in schneller Folge eine Serie kleinformatiger Panoramen seiner Heimatstadt Haarlem. Der Blick folgt den steilen Dünenhängen am Spaarne, wandert über die mit Hecken umgrenzten Bleichen der Haarlemer Tucher und verliert sich schließlich am fernen Horizont, in dessen Dunst die schmale Silhouette der Stadt schemenhaft aufscheint. Nur das mächtige Dach und der Turm der Groote Kerk setzen weithin sichtbare Akzente. Das flache Land duckt sich unter der unendlichen Weite des Himmels und scheint doch seinen Mächten trotzen zu wollen. Einer Arche gleich stemmt sich das Kirchenschiff von St. Bavo gewaltigen Wolkenmassiven entgegen, die drohend heraufziehen und schwer, um nicht zu sagen: schwermütig auf Land und Leuten lasten. In ihrem dramatischen Spiel begreift der Mensch seine Ohnmacht, sein hilfloses Ausgeliefertsein an die nur mühsam gebändigten Naturgewalten. Auf der weitabgewandten Seite der Wolken begegnet seine von Angst getriebene Phantasie Göttern und Dämonen, deren Allgegenwart sich in einem wilden Zug triumphal Bahn bricht. So wird das Naturschauspiel geheimnisvoll überhöht und zu einem Bedeutungsträger innerer Erfahrungen stilisiert.

Im Lauf der Geschichte geht die symbolische Konnotation der Himmelserscheinungen verloren. Die Wolkenbilder Gerhard Richters zum Beispiel, die Ende der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts entstehen, sprechen allein von der Allmacht industrieller Bildproduktion und der dekorativen Ausbeutung eines Motivs. In der dünnen Luft des bloßen Als-ob, einer nur noch medial vermittelten Wirklichkeit, die Schein als Sein deklariert und dabei formelhaft erstarrt, stirbt jeder Anspruch des Transzendenten ab. Noch einmal zwei Jahrzehnte später entdeckt auch Silke Leverkühne die Wolken als ein sie immer wieder neu herausforderndes Bildthema; als das Agens einer Malerei, die Farbe, Form und Faktur als die allein konstitutiven Elemente eines Bildes begreift und dadurch dem jeweiligen Motiv eine „neue“ Wahrhaftigkeit abzuringen versucht. Der malerische Furor vertreibt Götter und Dämonen und setzt an ihre Stelle das sinnliche Erlebnis einer zu sich selbst befreiten Malerei.

Der in früheren Jahren „nach unten“ gerichtete Blick Silke Leverkühnes, sieht sich an Landschaftlichem fest. Er richtet sich auf Gesteins- und Felsformationen, auf einem Kratersee oder die terrassierten Berghänge von Machu Picchu, focussiert aber auch architektonische Details, die er aus ihrem baulichen Zusammenhang herauslöst: das Portal eines namenlosen Hauses in Florenz und die Streifenmarkise eines Cafes, aus deren Schatten Stühle und Tische auf das sonnenbeschienene Trottoir treten, das oktagonale Brunnenbecken einer Platzanlage oder eine endlos auf- und absteigende Treppe... Diese An-, Auf- und Übersichten verweben eine einfache, geometrisch verknappte Dingwelt zu farbigen Mustern auf der Fläche des Bildes. Der so „nach unten“ gerichtete Blick der Künstlerin, der die malerischen Verwandlungsmöglichkeiten eines Motivs unendlich sicher aufspürt und das Gesehene als zu Sehendes bildnerisch bändigt, steigt Anfang der neunziger Jahre an der Fassade des Doms von Orvieto nach oben. Ihn fasziniert das perspekivische Linien- und Farbenspiel der Marmorinkrustationen, die die Außenwände des Kirchenbaus wie eine Haut überziehen und ihm seine materielle Schwere nehmen. Der farbige Wechsel der Marmorstreifen überspielt die Plastizität der architektonischen Details, läßt sie seltsam flächig erscheinen und ruft jenen eigentümlichen kulissenhaften Eindruck hervor, der in den Bildern Silke Leverkühnes einen späten Nachhall findet. Zu nennen wären die manchmal ununterscheidbare Überblendung von zweiter und dritter Dimension, die Verzahnung der Erlebniswirklichkeit des Betrachters mit der Anschauungswirklichkeit des Bildes und die Selbstthematisierung einer Malerei, die sich am Widerstand des Gegenständlichen reibt.

Aber die mittelalterliche Domfassade hält den Blick nicht auf. Zuletzt geht er über sie hinaus und folgt mit weit nach hinten gelegtem Kopf dem endlosen Spiel der Wolken. Deren Bilder entstehen seit 1995 als vorläufig letzter - und durchaus konsequenter - Schritt eines malerischen Kalküls, das Fläche und Raum, Farbe und Form, Gegenständlichkeit und Abstraktion, Pinselduktus und die Evokation des Lichts in spannungsvoller Balance hält. Die zumeist heitere, lichtdurchflutete Gelassenheit der Wolkenbilder verdankt sich dem Einfluß der italienischen Malerei des Barock und Rokoko, vornehmlich der Bilderwelt Tiepolos. Stärker noch wirkt sich das unmittelbare Erlebnis des mediteranen Himmels aus, seine lichte Weite und sein Farbenspiel in den Sommermonaten, die Silke Leverkühne beinahe regelmäßig in der Toskana verbringt. Dennoch sind ihr die Schwermut und das heroische Pathos eines van Ruisdael nicht fremd - vielleicht auch nur, weil sie unter dem tiefen Himmel Holsteins aufwuchs. Doch in ihren Bildern wird alles Schwere leicht und mit dem tradierten Pathos nur gespielt, um es schließlich souverän zu brechen.

Das Wolkenmotiv bändigt die gestische Spontaneität des Malakts und seinen subjektiven Ausdruck, bindet die malerische Geste in einen - trotz aller Freiheiten - verbindlich bleibenden Formenkanon ein. Dabei kommt die flüchtige Erscheinung der Wolken, ihre sich im Spiel von Licht und Schatten verzehrende Immaterialiät, dem künstlerischen Wollen Silke Leverkühnes durchaus entgegen. Ihr schwerelos schwebender Zug suggeriert zudem eine diffuse Entgrenzung des Bildes und läßt seine Fläche räumlich vibrieren. Lasierende Farbbahnen schieben sich übereinander und formen einen atmosphärischen Bildraum aus. Nur die malerische Faktur der Farbaufträge, die stehengelassenen Pinselschwünge, unterlaufen den illusionistischen Prospekt und klappen das Bildgeschehen in die Fläche des Malgrundes zurück.

Die Malereien Silke Leverkühnes ahmen die Wirklichkeit nicht nach, sondern entwerfen sie neu; sie sind vor allem sie selbst. Ihre Bilder erkunden die Möglichkeiten der Farbe als das eigentliche Gestaltungsmittel der Malerei. Sie erscheint als die antreibende Kraft des malerischen Prozesses, als der Grund jeder Verwandlung. Die Farbe definiert die Dinge, erobert den Raum und schafft eine bildnerische Struktur. Farbe ist Form und Form ist Farbe, beide sind untrennbar miteinander verschmolzen oder anders gesagt: Farbe erzeugt sich aus Farbe und nimmt Form an. Ihrem Wesen nach ist sie Prozeß, dauernder Übergang und doch immer nur sie selbst. So stellt sie ein glaubwürdiges bildnerisches Analogon zu jeder natürlichen Wolkenbildung dar. Farbe zeigt nichts, was sie nicht als solche ist. Letztlich beweisen Farbe und Form gerade im Widerspiel ihrer figurativen Deutung die sinnliche Freiheit und damit auch sprachliche Ungebundenheit ihres Ausdrucks. Denn sie referieren eine Wirklichkeit, die erst im Moment ihrer eigenen Realisierung geschieht, und im „Wie“ ihres Entstehens das „Was“ ihres Bedeutens hineinnimmt. So fordern die Wolkenbilder Silke Leverkühnes dazu auf, unser Sehen allein durch Malerei aus seiner begrifflichen Erstarrung zu befreien. Denn sie erwecken ein sinnliches, visuelles Erfahrungspotential, das alle Determinismen der gegenständlichen Welt überspringt und den längst sprichwörtlichen Blick hinter die Dinge gewährt. Sie verführen zu einem tatsächlich sehenden Sehen, das eine neue Freiheit des Sich-Äußerns erahnen läßt.

Hans-Jürgen Schwalm