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Vor- und Nachbild – nach der Natur

Helles, glänzendes Licht, das sich im Wasser sammelt, blaue, diesige Himmel, die sich in den Seen spiegeln, ein Grün, ein Blau, Pflanzenformen, Gesträuch, Geäst, das die Wasserflächen überlagert, unterschlingt, vom Wasser reflektiert wird, sich im Wasser bricht: Oben und unten, außen und innen, die Zeit und ihr Fluß durchdringen sich in vielschichtigen, durchlässigen, diaphanen Bildgebilden. Die Welt ist da, und in der Malerei wird aus dem (unscheinbaren) Kontinuum der materiellen Welt ein dort verwurzelter Anblick, in dem sich Sehen und Gesehenwerden verschränken.

Silke Leverkühnes Bilder entstehen nach der Natur, dabei reflektieren sie immer auch die zweifache Lesart dieser Beschreibung: eine modale, die die Umsetzung eines Vorbilds meint und eine temporale, die den für die Moderne konstitutiven Abschied von einer unmittelbar erfahrbaren, romantisch belebten Natur beinhaltet wie auch die Nachträglichkeit aller Kunst. Die Arbeiten nehmen dieses Doppel auf, umspielen die Differenz von Vor- und Nachbild, bewegen sich in diesem Zwischenraum und die Bewegung im Medialen prägt das Bildgeschehen als Prozess: Die Bilderserien verweisen weniger auf das Gewesene, Gesehene als auf eine andauernde Zeitlichkeit im Zu-Sehen-Geben; es sind raumzeitliche Passagen, die auch als Übergang zu ganz anderen, latenten, erinnerten, assoziierten Bildern funktionieren. Die Beweglichkeit, das Prozessuale des malerischen Aktes selbst korrespondiert dann präzise Silke Leverkühnes bevorzugten Bildthemen, den Wolkenformationen, den Wasserstrudeln, flüchtige, flirrende, vibrierende Erscheinungen, die schon ihrem Wesen nach nicht fixierbar sind - und noch einmal in fortwährendem Wandel durch das Licht. Natur meint dann weniger Landschaft als festgestellte Anordung, sondern ein Zusammenspiel von visuellen Kräften, von Energien, die auf der Leinwand zugleich freigesetzt und in neue Form gebracht werden. Natur wird eben nicht nur gegenständlich gefasst, sondern ist zuallererst Anlaß und Movens eines unabschließbaren Wahrnehmungsvorgangs, in dem Farb- und Formereignisse ihre eigensinnige Vitalität frei ausspielen dürfen, sich zu unvermuteten Strukturen kristallisieren, in einen visuellen Rhythmus eingehen: In Bilder einer Natur, die im Intervall zwischen der Malerin und dem ganz Anderen auch der Unverfügbarkeit der Phänomene Rechnung trägt.

In Silke Leverkühnes Malerei entsteht eine Welt der Sichtbarkeit, die im Spielraum der unendlichen schöpferischen Möglichkeiten das Gegebene als Kern von Evidenz wiedererfindet, mit neuer Überzeugungskraft, im bestürzenden Wiedererkennen. Der Blick wandert in das Bildgeschehen hinein, bewegt sich im Bild, folgt den Farbstrudeln, den Klängen der Farbbegegnungen, den Spiegelungen, die in schimmerndern Farbschleiern aufblitzen und wieder verschwinden, erfährt Brüche, Verdichtungen, Schichtungen und Lockerungen: eine Entdeckung der subtilen Verflechtungen, die das Bild – zwischen opus und actus – entwickeln, eine gleitende Bewegung, die die komplementären Größen, die Form und den Sachinhalt balanciert und immer wieder neu entfaltet.

Silke Leverkühnes Gemälde gehen dem singulären Status des Bildes nach. Auf mehreren Ebenen halten sie genau seine rätselhafte Mitte zwischen Tatsächlichkeit und luftiger Unbestimmtheit. Wir sehen das eine im anderen und in wechselseitiger Osmose. Aus dem Material, der Farbe und ihren Qualitäten, dem Festen, dem Flüssigen, dem Harten, dem Transparenten, dem Stumpfen, dem Opaken und der gleichzeitigen Irritation der Substantialität entwickeln sich changierende Bezüge, gestaffelte Strukturen, ihre Durchkreuzung, ihr Oszillieren zwischen den Polen.

Unter den Bedingungen des Mediums entfaltet sich die Matrix der Bilder, ihr komplexes Geflecht von Zuordnungen, von Kontrasten und Verschiebungen. Ein Prozeß, der sowohl verknüpfende, konzentrierende als auch zerstreuende, auflösende Bewegung ist, ein Kippspiel, das Wahrnehmen, Vorstellen, Erkennen, Imaginieren ineinanderfallen läßt. Die Figuration und ihr Dementi antworten dem Fließen, dem Flirren von Wasser und Licht und diese gegenläufige Modellierung ergibt - von Bild zu Bild - ein Kaleidoskop wechselnder Muster, Kaskaden und Fächer von Sichtweisen. Es gibt keine starren Bezugspunkt, vielmehr ein Ineinander und eine Mobilisierung des Bildgegenstands, der die Abenteuer des Sehens als unvorhersehbares Wahrnehmen und Vorstellen in Gang setzt, die Erfahrbarkeit der Welt in ihrer unausschöpfbaren Fülle als Sinn auf unsere Sinne treffen läßt.

Dorothée Bauerle-Willert


Wenn die Wolken ziehen...

Ende der sechziger Jahre des l7. Jahrhunderts malt Salomon van Ruisdael in schneller Folge eine Serie kleinformatiger Panoramen seiner Heimatstadt Haarlem. Der Blick folgt den steilen Dünenhängen am Spaarne, wandert über die mit Hecken umgrenzten Bleichen der Haarlemer Tucher und verliert sich schließlich am fernen Horizont, in dessen Dunst die schmale Silhouette der Stadt schemenhaft aufscheint. Nur das mächtige Dach und der Turm der Groote Kerk setzen weithin sichtbare Akzente. Das flache Land duckt sich unter der unendlichen Weite des Himmels und scheint doch seinen Mächten trotzen zu wollen. Einer Arche gleich stemmt sich das Kirchenschiff von St. Bavo gewaltigen Wolkenmassiven entgegen, die drohend heraufziehen und schwer, um nicht zu sagen: schwermütig auf Land und Leuten lasten. In ihrem dramatischen Spiel begreift der Mensch seine Ohnmacht, sein hilfloses Ausgeliefertsein an die nur mühsam gebändigten Naturgewalten. Auf der weitabgewandten Seite der Wolken begegnet seine von Angst getriebene Phantasie Göttern und Dämonen, deren Allgegenwart sich in einem wilden Zug triumphal Bahn bricht. So wird das Naturschauspiel geheimnisvoll überhöht und zu einem Bedeutungsträger innerer Erfahrungen stilisiert.

Im Lauf der Geschichte geht die symbolische Konnotation der Himmelserscheinungen verloren. Die Wolkenbilder Gerhard Richters zum Beispiel, die Ende der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts entstehen, sprechen allein von der Allmacht industrieller Bildproduktion und der dekorativen Ausbeutung eines Motivs. In der dünnen Luft des bloßen Als-ob, einer nur noch medial vermittelten Wirklichkeit, die Schein als Sein deklariert und dabei formelhaft erstarrt, stirbt jeder Anspruch des Transzendenten ab. Noch einmal zwei Jahrzehnte später entdeckt auch Silke Leverkühne die Wolken als ein sie immer wieder neu herausforderndes Bildthema; als das Agens einer Malerei, die Farbe, Form und Faktur als die allein konstitutiven Elemente eines Bildes begreift und dadurch dem jeweiligen Motiv eine „neue“ Wahrhaftigkeit abzuringen versucht. Der malerische Furor vertreibt Götter und Dämonen und setzt an ihre Stelle das sinnliche Erlebnis einer zu sich selbst befreiten Malerei.

Der in früheren Jahren „nach unten“ gerichtete Blick Silke Leverkühnes, sieht sich an Landschaftlichem fest. Er richtet sich auf Gesteins- und Felsformationen, auf einem Kratersee oder die terrassierten Berghänge von Machu Picchu, focussiert aber auch architektonische Details, die er aus ihrem baulichen Zusammenhang herauslöst: das Portal eines namenlosen Hauses in Florenz und die Streifenmarkise eines Cafes, aus deren Schatten Stühle und Tische auf das sonnenbeschienene Trottoir treten, das oktagonale Brunnenbecken einer Platzanlage oder eine endlos auf- und absteigende Treppe... Diese An-, Auf- und Übersichten verweben eine einfache, geometrisch verknappte Dingwelt zu farbigen Mustern auf der Fläche des Bildes. Der so „nach unten“ gerichtete Blick der Künstlerin, der die malerischen Verwandlungsmöglichkeiten eines Motivs unendlich sicher aufspürt und das Gesehene als zu Sehendes bildnerisch bändigt, steigt Anfang der neunziger Jahre an der Fassade des Doms von Orvieto nach oben. Ihn fasziniert das perspekivische Linien- und Farbenspiel der Marmorinkrustationen, die die Außenwände des Kirchenbaus wie eine Haut überziehen und ihm seine materielle Schwere nehmen. Der farbige Wechsel der Marmorstreifen überspielt die Plastizität der architektonischen Details, läßt sie seltsam flächig erscheinen und ruft jenen eigentümlichen kulissenhaften Eindruck hervor, der in den Bildern Silke Leverkühnes einen späten Nachhall findet. Zu nennen wären die manchmal ununterscheidbare Überblendung von zweiter und dritter Dimension, die Verzahnung der Erlebniswirklichkeit des Betrachters mit der Anschauungswirklichkeit des Bildes und die Selbstthematisierung einer Malerei, die sich am Widerstand des Gegenständlichen reibt.

Aber die mittelalterliche Domfassade hält den Blick nicht auf. Zuletzt geht er über sie hinaus und folgt mit weit nach hinten gelegtem Kopf dem endlosen Spiel der Wolken. Deren Bilder entstehen seit 1995 als vorläufig letzter - und durchaus konsequenter - Schritt eines malerischen Kalküls, das Fläche und Raum, Farbe und Form, Gegenständlichkeit und Abstraktion, Pinselduktus und die Evokation des Lichts in spannungsvoller Balance hält. Die zumeist heitere, lichtdurchflutete Gelassenheit der Wolkenbilder verdankt sich dem Einfluß der italienischen Malerei des Barock und Rokoko, vornehmlich der Bilderwelt Tiepolos. Stärker noch wirkt sich das unmittelbare Erlebnis des mediteranen Himmels aus, seine lichte Weite und sein Farbenspiel in den Sommermonaten, die Silke Leverkühne beinahe regelmäßig in der Toskana verbringt. Dennoch sind ihr die Schwermut und das heroische Pathos eines van Ruisdael nicht fremd - vielleicht auch nur, weil sie unter dem tiefen Himmel Holsteins aufwuchs. Doch in ihren Bildern wird alles Schwere leicht und mit dem tradierten Pathos nur gespielt, um es schließlich souverän zu brechen.

Das Wolkenmotiv bändigt die gestische Spontaneität des Malakts und seinen subjektiven Ausdruck, bindet die malerische Geste in einen - trotz aller Freiheiten - verbindlich bleibenden Formenkanon ein. Dabei kommt die flüchtige Erscheinung der Wolken, ihre sich im Spiel von Licht und Schatten verzehrende Immaterialiät, dem künstlerischen Wollen Silke Leverkühnes durchaus entgegen. Ihr schwerelos schwebender Zug suggeriert zudem eine diffuse Entgrenzung des Bildes und läßt seine Fläche räumlich vibrieren. Lasierende Farbbahnen schieben sich übereinander und formen einen atmosphärischen Bildraum aus. Nur die malerische Faktur der Farbaufträge, die stehengelassenen Pinselschwünge, unterlaufen den illusionistischen Prospekt und klappen das Bildgeschehen in die Fläche des Malgrundes zurück.

Die Malereien Silke Leverkühnes ahmen die Wirklichkeit nicht nach, sondern entwerfen sie neu; sie sind vor allem sie selbst. Ihre Bilder erkunden die Möglichkeiten der Farbe als das eigentliche Gestaltungsmittel der Malerei. Sie erscheint als die antreibende Kraft des malerischen Prozesses, als der Grund jeder Verwandlung. Die Farbe definiert die Dinge, erobert den Raum und schafft eine bildnerische Struktur. Farbe ist Form und Form ist Farbe, beide sind untrennbar miteinander verschmolzen oder anders gesagt: Farbe erzeugt sich aus Farbe und nimmt Form an. Ihrem Wesen nach ist sie Prozeß, dauernder Übergang und doch immer nur sie selbst. So stellt sie ein glaubwürdiges bildnerisches Analogon zu jeder natürlichen Wolkenbildung dar. Farbe zeigt nichts, was sie nicht als solche ist. Letztlich beweisen Farbe und Form gerade im Widerspiel ihrer figurativen Deutung die sinnliche Freiheit und damit auch sprachliche Ungebundenheit ihres Ausdrucks. Denn sie referieren eine Wirklichkeit, die erst im Moment ihrer eigenen Realisierung geschieht, und im „Wie“ ihres Entstehens das „Was“ ihres Bedeutens hineinnimmt. So fordern die Wolkenbilder Silke Leverkühnes dazu auf, unser Sehen allein durch Malerei aus seiner begrifflichen Erstarrung zu befreien. Denn sie erwecken ein sinnliches, visuelles Erfahrungspotential, das alle Determinismen der gegenständlichen Welt überspringt und den längst sprichwörtlichen Blick hinter die Dinge gewährt. Sie verführen zu einem tatsächlich sehenden Sehen, das eine neue Freiheit des Sich-Äußerns erahnen läßt.

Hans-Jürgen Schwalm